Interview: „Über Neues sprechen“

Lesen Sie ein Interview mit Bernhard Doll, um mehr über die Denk- und Arbeitsweise der Orange Hills GmbH bei der visuellen Modellierung von innovativen Strategien, Services und Geschäftsmodellen zu erfahren.

Ein Gespräch mit dem Innovationsexperten Dr. Bernhard Doll, Geschäftsführer der Orange Hills GmbH, München. Interview geführt von Dorothee von Bose für die „Hauswand“ der Swiss Re.

Wie verstehen Sie den Begriff Innovation?
Wir verstehen darunter die Entwicklung einer neuartigen Geschäftsidee, die sich am Markt durchsetzt. Sie hat damit einen kreativen und einen Vermarktungsanteil. Eine Idee, die nur neu ist, ist lediglich eine Erfindung.

Entstehen Innovationen zufällig oder kann man sie planen?
Man ist gut beraten, Innovationsprozesse zu planen, damit man zumindest Zielabweichungen auf dem Weg erkennt. Man sollte aber nicht glauben, dass sie vollständig planbar sind. Innovationen entstehen eher evolutionär – eine kleine Idee fängt an zu leben und bekommt durch Kommunikation mit anderen zunehmend Bedeutung. Diese Bedeutung ist der Treiber, die Idee weiterzuentwickeln.

Das heißt, man soll mit einer guten Idee nicht hinter dem Berg halten, sondern sie anderen erzählen?
Grundsätzlich Ja. Viele denken aber, wenn ich mit jemand über meine Idee rede, dann könnte er sie klauen. Das ist aber fast nie der Fall. Es laufen ja nicht überall Menschen herum, die nur auf tolle Ideen warten, die dann auch noch genug Zeit, Ressourcen und Kontakte haben, diese Idee auch zum Erfolg zu führen. Da muss schon einiges zusammen kommen. Darüber reden hilft zunächst herauszufinden, ob eine Idee generell verstanden und wie sie z.B. von Kollegen oder potenziellen Kunden auf- und angenommen wird.

Warum fällt es uns so schwer, über Neues zu sprechen? Ist es nur die Angst, dass die Idee gestohlen wird?
Das ist das eine. Aber oft ist es auch die Befürchtung, dass das kleine zarte Pflänzchen, das jede neue Idee erst einmal ist, zu schnell zerstört wird. Dass Kollegen sagen, gibt’s schon, haben wir schon vor 10 Jahren versucht, wird nie funktionieren,...aber man möchte seine Idee nicht gleich in den Reißwolf schicken, sondern erst einmal gießen, hegen und pflegen, bevor man sie auf die freie Wildbahn lässt. Zu Beginn ist es ja auch schwierig zu kommunizieren, was das Neue wirklich ist. Es ist oftmals abstrakt und schwer vorstellbar. Aus diesen Gründen tendieren viele dazu, in frühen Phasen noch nicht über ihre Ideen zu sprechen.

In welchem Kontext ist es denn gut, darüber zu reden? In der Kaffeeküche?
Warum nicht? Dort sind schon wunderbare Ideen entstanden. Was wir hier aber besprechen, sind eher geregelte Prozesse: Z.B., ein Team sitzt zusammen, um gewollt etwas Neues zu entwickeln.

Und was kommt dann zuerst: das darüber Reden oder das darüber Denken?
Zunächst braucht man einen Nukleus. Irgendeine Art von Idee. Diese erste Idee muss noch nicht einmal gut sein. Indem Sie jetzt darüber mit anderen sprechen, schärfen Sie die Idee und müssen klar formulieren: was genau ist meine Idee? Was sind die wesentlichen Aspekte? Andere, die zuhören, geben Feedback, was sie verstanden haben. Und mit diesem Feedback können Sie dann Ihr eigenes Modell weiter anpassen und reifen lassen. Sie gleichen sozusagen die Perspektive des Senders und des Empfängers ab. Sie geben Ihrer Idee schrittweise Bedeutung.

Indem ich es zur Diskussion stelle?
Genau. Sie verbessern Ihre Idee im Team solange, bis sie durch Interaktion mit anderen Menschen eine gefestigte Bedeutung bekommt. Dies kann natürlich eine positive aber auch eine negative Bedeutung sein. Und in Abhängigkeit davon planen Sie die nächsten Schritte.

Sie haben nun etwas entwickelt, was es Teams leichter macht, neue, innovative Ideen zu formulieren...
Wir haben das Sprechen über neue Ideen systematisch entwickelt. Darüber, wie man neue Ideen denkt, gibt es jede Menge Werkzeuge und Methoden, wie z.B. Kreativitätstechniken. Was wir aber tun ist, Teams dabei zu unterstützen, dass sie beim Denken miteinander interagieren, gleichzeitig aber auch weiterentwickeln, verwerfen, neues probieren – evolutionär agieren und das alles in Echtzeit.

Nehmen wir an, ein Team will etwas Neues entwickeln...
... dann hatte vielleicht einer im Team bereits eine erste Idee. Normalerweise kommt er jetzt mit einer Powerpoint Präsentation und stellt seine Idee den anderen vor. Rückmeldungen können vielleicht notiert und später ins Protokoll eingearbeitet werden. Aber vor Ort die Präsentation ändern, ein Papier umzuschreiben oder eine Skizze neu zeichnen – das tut man meist nicht. Dann heißt es am Ende des Meetings: „Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich werde das, was wir heute besprochen haben, noch mal zusammenfassen und an alle per Mail verschicken.“ Der Interaktionsprozess ist mittendrin unterbrochen oder hat noch gar nicht begonnen. Man geht also auseinander und weiß nicht genau, was jetzt kommt und was man selbst tun müsste. Wenn wir aber mit dem Team genauso lange gearbeitet haben, dann haben Sie am Ende des Treffens ein gemeinsames Ergebnis, zu dem jeder sagen kann: Ja, das ist so, wie wir uns einen innovativen Service, ein innovatives Geschäftsmodell oder eine innovative Strategie für uns vorstellen.

Wie genau machen Sie das?
Wir haben Tools und Methoden, die dafür geeignet sind. Vor kurzen haben wir gemeinsam mit einem Team eines Unternehmens ein neues Geschäftsmodell für eine Dienstleistung entwickelt – mit Legosteinen. Die Teammitglieder haben den Serviceprozess nach einem speziellen Schema abgebildet und in 3D gesehen, welche Dinge aus welchem Blickwinkel wichtig sind und welche nicht- und sie konnten mit wenigen Griffen unterschiedliche Ansätze überprüfen. Sie haben, während sie das getan haben, intensiv miteinander geredet, sich gegenseitig inspiriert und der Idee so Bedeutung verliehen. Nach nicht mehr als drei Stunden stand das Modell für ihren innovativen Service.

Menschen spielen gerne?
Menschen entwickeln Emotionen zu etwas, was sie mit ihren Händen bauen. So auch zu ihrem Modell. Man muss allerdings aufpassen, dass das nicht zu früh im Prozess passiert, damit man gewillt bleibt, auch eine Idee zu verändern. Aber die Bindung ist wichtig, damit man die Energie aufbringt, die Idee auch weiter zu pushen und sich gegen die Unsicherheit wehren kann, die da heißt: braucht mein Kunde das wirklich, was wir gerade bauen? Wird mein Chef es lieben? Wird es relevant für das Unternehmen sein? Alles Unsicherheiten, die den Innovationsprozess belasten können.

Sie sprechen viel von Echtzeit. Warum ist die so wichtig?
Die Interaktionen verschiedener Disziplinen im Innovationsprozess ist extrem wichtig, aber nur schwer vorherzusehen. Ein Team sitzt zusammen, es entsteht ein eher ungeordneter Prozess, jemand fällt eine Metapher zu einem Problem ein, eine Geschichte wird erzählt. Andere hören die, reflektieren sie und erzählen eine neue...ein Ping-Pong entsteht, wenn man nahe zusammen ist. Man reagiert, sieht, wie der andere reagiert, bekommt Emotionen mit. Wenn Sie diesen irrsinnig wichtigen Teamprozess nicht mit den richtigen Modellierungstechniken in Echtzeit abbilden, kann es sein, dass dieser wertvolle Schatz verloren geht.

Welche Modellierungstechniken sind das?
Wir verwenden eine Reihe von Visualisierungstechniken, häufig 3D-Modelle, damit man die Perspektivität bekommt, man innovative Strategien, Geschäftsmodelle oder Prozesse aus allen Blickwinkeln betrachten kann – Modelle, die von Menschen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen gleich leicht und gleichzeitig entwickelt und verändert werden können. Und alle Techniken sind so, dass sie das Sprechen über das, was man spürt, denkt und tut, erleichtern.

Am Ende müssen die fertigen Konzepte wieder zurück in die Organisation kommuniziert werden. Wie machen Sie das?
Wenn der Innovationsprozess zuende gedacht und besprochen ist, dann gießen wir die Ergebnisse in Dokumente, die der Organisation wieder vertraut sind, zu seiner jeweiligen Kultur passen. Das ist dann ein Businessplan, ein Servicekonzept, ein Strategiepapier oder eine Managementvorlage – aber natürlich mit den visuellen Ergebnissen aus unserer Arbeit

Es bleibt also alles in der Hand der jeweiligen Organisation?
Genau so ist es. Wir sind keine Produktentwickler, an die man die komplette Entwicklung einer Idee auslagert. Wir wollen, dass der Innovationsprozess im Unternehmen bleibt, bei den Experten, in deren Kultur. So entstehen dann auch Ideen, die die Handschrift des Unternehmens tragen. Wir verschaffen aber mit unseren Tools und Methoden einer innovativen Idee Gehör.

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